Keine Lust auf Sex (Teil 3)

Wie ich bereits in den vorigen beiden Blogbeiträgen beschrieben habe, wirkt Stress bei 80-90% aller Menschen als Bremse der Lust, bei 10-20% hingegen als Beschleuniger. Der Kontext, in dem wir uns befinden, hat also direkte Auswirkungen auf unsere sexuelle Reaktion. Rasch wird von Gehirn jeder Reiz als „sexuell relevant“ oder auch als nicht relevant eingestuft. Diese Reaktionen können gelernt, aber genauso auch wieder verlernt werden! Was meist automatisiert und unbewusst in uns abläuft, können wir durch neue, gesündere und „lustfreundlichere“ Muster ersetzen.

Das schreibt und liest sich leicht, werden Sie vermutlich jetzt denken- aber wie geht das?

Kurz gesagt geht es darum, eine neue sexuelle Identität zu entwickeln!

Was bedeutet es für Sie, eine Frau oder ein Mann zu sein? Was wurde Ihnen diesbezüglich vermittelt? (Damit meine ich nicht nur Ihr Elternhaus, sondern das gesamte Umfeld, man könnte auch sagen, die gesamte Gesellschaft und Kultur, in der Sie aufgewachsen sind).

Viele verinnerlichte Glaubenssätze beruhen Umfragen zufolge auf Inhalten eines über 100 Jahre alten Sexratgebers („Die vollkommene Ehe“ von 1926). Vor allem Frauen werden darin auf moralischer, medizinischer und auch auf medialer Ebene in bezug auf Sexualität folgende Aussagen vermittelt:

Moralisch: du bist schlecht! Medizinisch: du bist krank! Medien: du bist unzureichend!

Nicht nur Fremd- sondern auch Selbstkritik erzeugen Stress und somit- Sie wissen es bereits- auch weniger Lust! Kritische Gedanken werden im Gehirn in Arealen verarbeitet, die unter anderem auch mit Verhaltenshemmungen verknüpft sind. (Emily Nagoski nennt diese in Bezug auf sexuelle Lust „Bremsen“) Im schlimmsten Fall können dadurch sogar Depressionen begünstigt werden, jedenfalls steigt aber unser Stresshormonspiegel, wenn wir abgewertet werden.

Und nun wieder die Frage- was hilft?

Es klingt ja fast zu einfach, um wahr zu sein: aufhören, sich selbst fertig zu machen!

Selbstkritik motiviert nämlich nicht, sondern kränkt- das bedeutet, sie macht im wahrsten Sinn des Wortes krank. Statt Selbstkritik auszuüben, sollten wir umschwenken auf Selbstmitgefühl. Was würden Sie Ihrer besten Freundin, Ihrem Kind raten? Wie würden Sie mit jemandem umgehen, der sich selbst abwertet und schlecht fühlt?

Bitte merken Sie sich folgendes Wort: SELBSTFÜRSORGE. Das ist ganz, ganz wichtig. Nicht nur, wenn es darum geht, wieder mehr Lust zu spüren und guten Sex zu haben, sondern ganz allgemein im Leben. Gut für sich selbst zu sorgen bedeutet aber nicht, jedem Bedürfnis sofort nachzugeben und sich gehen zu lassen. Das wäre gleichzusetzen mit Betäubung von aufkommenden Bedürfnissen- doch darum geht es uns ja keinesfalls.

Fragen Sie sich, was Sie wirklich brauchen, was Ihnen wirklich gut tut. Das kann mal eine Tasse heiße Schokolade sein oder auch ein Tritt in den Hintern, damit man sich wieder mal bewegt und rausgeht unter Menschen. Aber alles mit viel Geduld mit sich selbst, seien Sie freundlich, achtsam und geduldig mit sich! Und lassen Sie negative Gefühle los. (Wenn Sie daran weiterhin festhalten und sich damit „überidentifizieren“, bleiben Sie in Ihrer bisherigen Situation verhaftet, dann wird sich nichts ändern können).

 

Was können Sie konkret tun?

  • Sich von allem fernhalten, was nicht gut tut, aber ohne Mauern zu bauen
  • Sich zeigen, wie Sie wirklich sind und dazu stehen

Weiteres zur Erklärung, wie Lustgefühle in uns entstehen und was sie hemmt:

Ihr Gehirn hat ein „sexuelles Gaspedal“. Es reagiert auf alles, was Sie als sexuell relevant einstufen, wie Sie es bisher gelernt haben. Das können zum Beispiel visuelle Reize, Gerüche, Geräusche, Gefühle, Gedanke oder auch Geschmäcker sein. Aber es gibt auch eine „sexuelle Bremse“, die ebenfalls mit allen Sinnen auf potenzielle Bedrohungen reagiert. Unser Gehirn interpretiert diese Eindrücke als Grund, jetzt nicht erregt zu werden. 

Was können solche Gründe sein? Nun, einerseits auf der Hand liegende wie die Angst vor ungewollter Schwangerschaft oder Geschlechtskrankheiten, oder auch, sich durch sexuelle Handlungen womöglich einen schlechten Ruf einzuhandeln. Auch Beziehungsprobleme, ein niedriges Selbstwertgefühl oder sich benützt zu fühlen kann unglaublich schnell bremsen. Bestimmt kennen Sie viele solcher Gründe. Stehen Sie gerade besonders unter Stress, interpretiert Ihr Gehirn fast alles als Bedrohung und bremst…da haben wir also wieder den Zusammenhang zwischen Stress und Lustlosigkeit!

Dazu kommt nun auch noch, dass dieses Gaspedal und die Bremse bei jedem Menschen unterschiedlich empfindlich sind. All das ist absolut normal!

Ich habe ein gutes Beispiel für Sie zum besseren Verständnis: stellen Sie sich vor, sie genießen einen entspannten Nachmittag mit Ihrem vertrauten und geliebten Partner auf der Couch und er kitzelt Sie sanft. Das kann ein durchaus erotischer, lustvoller Reiz sein. 

Werden Sie allerdings gegen Ihren Willen festgehalten und vielleicht auch noch von einer Ihnen nicht sonderlich nahestehenden Person gekitzelt, empfinden Sie das ziemlich sicher nicht positiv oder gar lustvoll.

Ich fasse hier nun noch die wichtigsten positiven Auslösereize für Ihr sexuelles Gaspedal zusammen:

  • Emotionale Bindung und Liebe (Nähe, Geborgenheit, Sicherheit, Verbindlichkeit)
  • Explizite emotionale Reize (persönliches Verlangen, erotische Geschichten oder Filme,…)
  • Visuelle Reize (bestimmte Personen, Umgebungsdetails oder Eigenheiten)
  • Implizite romantische Reize (vertrautes Verhalten, Gemeinsamkeiten, sich begehrt fühlen, miteinander lachen, tanzen, einander massieren,…)

Was sind Ihre persönlichen Auslöser? Was brauchen Sie, um “angeturnt” zu werden? Was wünscht sich Ihr Partner? Nehmen Sie sich doch einmal bewusst Zeit, darüber miteinander zu sprechen. Allein das kann schon ein guter Anlasssein, einander wieder näher zu kommen und vertrauter miteinander zu werden, was sexuelle Themen angeht.

Zu guter Letzt möchte ich Sie noch zu einer Imaginationsübung einladen. Nehmen Sie sich Zeit und visualisieren Sie mit Hilfe meiner Fragen möglichst detailreich, wie Sie sich erleben. Sie können sich die Antworten auf alle Fragen einfach nur im Stillen überlegen, besser wäre es aber, sie aufzuschreiben oder zB. auf Ihrem Handy aufzunehmen und immer wieder anzuhören, eventuell auch zu ergänzen, wenn Ihnen noch etwas einfällt. So stärken Sie Ihre sexuelle Identität und nehmen sich mehr und mehr als sexuellen, lustvollen Menschen wahr, der Sie ganz tief drinnen sind.

Wie wollen Sie gern sein als Frau, die Lust auf Sex hat? Wie möchten Sie sich als lustvoller Mann wahrnehmen?

Malen Sie sich genau aus, was dann anders wäre. Würden Sie sich anders kleiden, anders duften, sich anders frisieren? Wie würden Sie gehen? Welche Musik würden Sie hören? Was wären Ihre Gedanken? Wie würde ein Tag ganz nach Ihren (lustvollen) Wünschen aussehen? Wenn Sie wollen, malen Sie sich ein sexuelles Erlebnis mit sich selbst oder auch mit jemand anderem aus und geben Sie sich den Gefühlen hin, die in Ihnen entstehen.

Machen Sie diese Imaginationsübung immer wieder und beobachten Sie, was Sie bei Ihnen auslöst.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen mit diesen drei Blogartikeln ein paar hilfreiche Anregungen geben. Natürlich können Sie keine professionelle und persönliche Beratung ersetzen, aber als “Hilfe zur Selbsthilfe” können Sie hoffentlich etwas daraus mitnehmen und umsetzen.

Gern bin ich für Sie da, wenn Sie persönliches Coaching in Anspruch nehmen möchten, ich würde mich jedenfalls über Kommentare zu diesem Thema freuen und wünsche Ihnen alles Gute beim Ausprobieren, was gut tut und hilft!

Keine Lust auf Sex (Teil 3)

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