Keine Lust auf Sex (Teil 2)

 

Was sind denn nun Ursachen für sexuelle Lustlosigkeit? Auch diese Frage bekomme ich häufig zu hören. Laut Emily Nagoski handelt es sich eher selten um körperliche oder hormonelle Gründe, sondern meist um Stress. Genauer gesagt um falschen Umgang mit Stressfaktoren.

Stress kann man bekanntlicher Weise nicht einfach ausschalten wie das Licht- genauso, wie man Lust nicht einschalten kann, was ich bereits im vorigen Blogartikel erwähnt habe. Das heißt konkret, dass Stress selbst dann im Körper weiter wirkt, wenn man ihn beiseite schiebt, sich ablenkt oder seine natürlichen Reaktionen darauf unterdrückt. Das Zentralnervensystem wird von Stresshormonen geflutet (allem voran von Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol), der Körper ist bereit für Kampf, Flucht oder im schlimmsten Fall, sich tot zu stellen.

Jedenfalls hat unser Körper unter Stress keine Lust auf Sex. 

Verständlich, oder? (Genau genommen wirkt bei 80-90% der Menschen Stress als Bremsfaktor, für 10-20% allerdings hat Stress eher beschleunigende Wirkung auf sexuelle Reaktionen, wobei es dabei dann mehr um die beruhigende Wirkung von Sex geht als um wirkliches Lustempfinden).

Jede Stressphase hat einen Anfang, eine Mitte und auch ein Ende. Stress baut sich auf, hält an und ebbt dann irgendwann wieder ab. Man kann sich diesen Stress-Reaktions-Zyklus wie eine Fahrt durch einen Tunnel vorstellen: man fährt hinein, dann folgt eine längere oder kürzere Fahrt im Dunklen, bis man am Ende des Tunnels wieder Licht sieht und wieder herauskommt. (Diese Metapher lässt sich übrigens auf jede Gefühlsregung anwenden). Nur, wenn man komplett durchgefahren ist, hat man den Tunnel dann schlussendlich hinter sich gebracht. Bleibt man drinnen stehen, kommt man nicht raus. Logisch?

Was meine ich mit „stehen bleiben“?

Nun, hier ein paar Beispiele: eine frischgebackene junge Mutter (oder auch ein Vater) hat einfach keine Zeit, auf ihre zunehmenden Stressreaktionen zu achten und gut für sich zu sorgen, weil einfach viel zu viel zu tun ist-das Baby will gefüttert, gewickelt und gepflegt werden, die Nächte sind durch den zunehmenden Schlafmangel nicht mehr erholsam, der Kühlschrank muss gefüllt und Essen muss gekocht werden, die schmutzige Wäsche gehört auch mal wieder gewaschen, ein paar Hemden gebügelt, ein Knopf angenäht, im Wohnzimmer staubgesaugt, dann meldet auch noch der Partner Ansprüche an…so unterdrückt sie also ihre Empfindungen und Bedürfnisse und funktioniert weiter, so gut es eben möglich ist. 

Anderes Beispiel: eine vollzeitbeschäftigte, hochmotivierte Angestellte (oder ihr männlicher Kollege)spürt, dass sie unter dem ständigen Arbeitsdruck kurz vorm Zusammenbrechen ist, aber sie zügelt ihre Wut im Bauch, schluckt ihre Tränen hinunter und schiebt alles beiseite, was nach gesellschaftlichen Kriterien in der Arbeitssituation nicht angebracht wäre. 

Oder: die durch Familie, Haushalt und Beruf mehrfachbelastete Tochter (oder der Sohn) schafft es nur noch unter Aufbietung der allerletzten Kraftreserven, sich auch noch um die hilfsbedürftigen alten Eltern zu kümmern. Dass das eigentlich schon zu viel und kaum noch zu schaffen ist, wird weggeschoben, um die Eltern zu schonen, Schließlich können sie ja nichts dafür und sollen kein schlechtes Gewissen bekommen, dass sie Hilfe brauchen…

Häufig geht es aber auch schlicht und einfach darum, dass man seinen tiefen Gefühlen ausweichen möchte, sich dem Schmerz oder der Angst nicht stellen will oder kann, die man in sich spürt. Das kommt vor allem in Beziehungen mit Problemen vor, wenn man sich „auseinandergelebt“ hat oder bestimmte Themen nicht bearbeitet wurden. Also wird alles möglichst gut zugedeckt und weggeschoben. Man bleibt quasi im Tunnel stehen und fährt nicht weiter. 

Kann man unter solchen Umständen Lust empfinden? Was meinen Sie? Nicht wirklich, das ist auch gar nicht verwunderlich, wenn man all diese Aspekte berücksichtigt.

Aber wie fährt man aus dem Tunnel heraus? Wie schafft man es, seinen Stress-Reaktions-Zyklus abzuschließen?

Auch dafür gibt es kein Patentrezept. Aber ich kann Ihnen versichern, dass es für JEDEN Menschen einen Weg gibt, der am besten durch Ausprobieren herausgefunden werden kann. Was hilft Ihnen am besten, wieder zu sich zu kommen, sich zu spüren, alles herauszulassen, „herunterzukommen“, sich zu entspannen? Nicht jeder Mensch braucht das Gleiche, deshalb habe ich hier einige Vorschläge gesammelt, schauen Sie doch einfach, was Sie am meisten anspricht und probieren Sie es aus:

  • Bewegung machen! Jede Art von Sport, aber auch Spazierengehen, Treppen steigen statt Lift fahren, Tanzen, Herumhüpfen und sich austoben, mit jemandem rangeln, Gartenarbeit, Autowaschen, Wohnung putzen,…suchen Sie sich einfach aus, was Ihnen am meisten hilft. Ihr Zentralnervensystem wird es Ihnen danken, denn es kann danach wieder herrlich zur Ruhe kommen!
  • Weinen, Schreien, Toben! Manchmal tut es besonders gut, alles rauszulassen, bis man sich angenehm leer fühlt. Das geht am besten im Auto, wenn Sie niemanden erschrecken wollen, oder auch unter Wasser (klingt vielleicht komisch, aber man kann wirklich unter Wasser schreien!), vielleicht fahren Sie in einen Wald oder auf einen Berg und schreien mal, so laut und so lang Sie können.
  • Ortswechsel helfen auch vielen Menschen sehr gut dabei, sich anders zu erleben. Vielleicht wollen Sie mal wieder eine alte Freundin besuchen oder einen kleinen Städtetrip machen, oder Sie spazieren durch den Wald und konzentrieren sich auf Ihre Atmung.
  • Nähe zu anderen Menschen suchen, sich ausreden, ausheulen, sich umsorgen lassen
  • Tagebuch schreiben- Papier ist sehr geduldig!
  • Schlafen. Ja, so einfach kann es manchmal sein, ausreichend Schlaf ist DAS Antistressmittel schlechthin!
  • Ausgiebig Duschen, Baden, sich Zeit für Körperpflege nehmen, zum Friseur, zur Kosmetik gehen oder sich eine Massage gönnen, auch das bringt Sie wieder ins innere Gleichgewicht
  • Hobbies ausführen wie Handarbeiten, Kochen und Backen, Singen,…
  • Achtsamkeit im Alltag, Mediation, Yoga, Tai Chi oder andere Entspannungstechniken

Wichtig ist es vor allem, dass Sie ihre Gefühle wahrnehmen, sie zulassen, dafür Verantwortung übernehmen und sie auch ihrem Partner gegenüber benennen. Äußern Sie Ihre Bedürfnisse klar, damit er Sie verstehen und unterstützen kann, das ist der erste Schritt dazu, wieder Lust zu spüren, doch dazu im nächsten Blogartikel mehr!

Keine Lust auf Sex (Teil 2)

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